Chinesischer Tee und Dao

Viele Teeliebhaber und Gelehrte in der chinesischen Geschichte verbanden mit der Teekunst keine direkten spirituellen Werte, hatten aber eine große Liebe für die Natur und damit ein tiefes spirituelles Gefühl in Verbindung mit dem immerwährenden Wandel in der Natur. Es ist eher eine „gefühlte“ Spiritualität ohne einen persönlichen Gott, die sich um nichts bemüht, sondern alles geschehen lässt.


Subtropischer Wald mit Felspartien in Zhejiang (Ostchina) (Foto: Zheng/Goebel 2009)

Seit Jahrtausenden leben manche Teeliebhaber auf einfache Weise in einer Berghütte mit ein paar Büchern und Saiteninstrumenten, mit reinem Quellwasser und Tee von wilden Teebäumen... Es ist überliefert, dass einige daoistische Weise, sog. „Wolkenwanderer“, mit ihren Liedern und Gedichten eine wunderbare Atmosphäre beim Teetrinken hervorrufen konnten.

Was ist Dao? Dao ist das Unaussprechliche, das wofür es eigentlich kein Wort gibt...
Versucht man trotzdem Worte zu gebrauchen, so lässt es sich je nach Sichtweise wie folgt übersetzen: der Weg (des Lebens) oder der Weg zu Gott, der Sinn, die universelle Kraft, das universale Quantenbewusstsein bzw. die Quanteninformation...

Mehr zum Dao findet sich im Dao De Jing, der Weisheitslehre des Lao Zi (ca. 2.500 Jahre alt). De (chinesisch) bedeutet übersetzt ursprünglich: „was gerade aus dem Herzen hervorkommt“. Es kann als das Leben in seiner ursprünglichen, aus dem Dao stammenden Kraft aufgefasst werden (der Anteil, den der Einzelne am Dao hat). Dieses Verständnis von Leben ist eine der Leitlinien vieler Teeliebhaber und spiritueller Teetrinker in China. Die Basis sind die chinesische Weisheitslehre von Lao Zi und deren Weiterentwicklungen im Chan-(=Zen)Buddhismus sowie natürlich auch die Lehren des Kung Zi (Konfuzius).

Wer das Leben auf diese Weise lebt, hat keinen Egoismus, nichts was er für sich begehrt. Es ist ein Mensch, der das Leben in sich wirken lässt, weil er seine Neigungen und Wünsche hinten anstellt. Es verbleiben Bescheidenheit, Demut, Ausgeglichenheit, Friedfertigkeit sowie Harmonie mit den Menschen und mit der Natur. Der Tee personifiziert diesen integren Charakter in China schlechthin: Er wächst meist auf armen Böden und schenkt den Menschen trotzdem Genuss und Schönheit.

Nach Lao Zi ist es ein Weg im Einklang mit der Natur und dem Universum, ein Weg für alle Menschen unabhängig von ihrer Religion. Außer Achtsamkeit gibt es keine Regeln und Doktrinen. Die wichtigsten Merkmale dieses Weges können wie folgt skizziert werden:

1. Das Leben direkt erfahren, den Weg selbst gehen, nicht nur darüber sprechen; selbst leben, nicht nur über das Leben nachdenken
2. Im Augenblick leben, nur im Hier und Jetzt findet das Leben statt, es gibt keinen schnelleren Weg und keinen besseren Ort
3. Loslassen aller Meinungen, Voreingenommenheiten, Bindungen, Abhängigkeiten sowie der Illusion, Kontrolle und Sicherheit seien möglich
4. Meditativ leben, mit Hilfe des aufmerksamen Ein- und Ausatmens überall im eigenen Leben präsent sein
5. Die polaren Gegensätze des Lebens annehmen (Liebe und Angst, Freude und Leid, Leben und Tod), ohne Bewertungen und Wünsche
6. Sanft wie das Wasser sein, ganz natürlich, geduldig und kraftvoll dem Ozean zufließen, mit Beweglichkeit alle Hindernisse umfließen
7. Mühelos Handeln, „Nicht-Tuend Tun“ (chin.: Wu Wei), d.h. mit Achtsamkeit im gegenwärtigen Augenblick spontan und angemessen handeln, Schritt für Schritt
8. Unser wahres inneres Wesen finden, frei vom Ego, d.h. frei vom konditionierten Denken sein, verbunden mit dem Universum und allen Wesen

Etwa ab dem 5. Jahrhundert nach Christus waren es vor allem Mönche des Chan-Buddhismus als eigentliche inhaltliche Nachfolger der ursprünglichen Daoisten, die das meditative Teetrinken im Sinne einer „unabsichtlichen“ Spiritualität weiterführten und Tee meist im Umfeld ihrer Klöster und Tempel kultivierten. Der Tee fungiert dabei als „Katalysator“ der Einheit von Mensch und Natur: Viele chinesische Gebirgsregionen sind und waren Lebenszentren der Teegelehrten, Teeliebhaber, Buddhisten und Daoisten.


Ausblick vom buddhistischen Tempel Tian Tong (Provinz Zhejiang) auf das umliegende Bergland mit naturnahem subtropischen Wald (Foto: Zheng/Goebel 2009)

Teetrinken war (und ist) grundlegend für die Entwicklung und Kultivierung wichtiger menschlicher Eigenschaften wie Gleichmut, Ruhe, Harmonie, Reinheit, Klarheit und Einfachheit. Nicht nur für die Chinesischen Gelehrten war und ist der Tee viel bekömmlicher als (Reis-)Wein, denn er führt zu einem klaren Kopf. Tee ist ein wichtiges Motiv für Literatur und Kunst. Bei den traditionellen Treffen von Mönchen und Gelehrten wurde und wird viel gedichtet, musiziert, gemalt, die Natur bewundert, meditiert...

Der große chinesische Teegelehrte Lu Yu, der das erste Teebuch „Cha Jing“ in China und in der Welt schrieb, wollte die konfuzianischen Ideen über die „Goldene Mitte“ und die Harmonie, das buddhistische Streben nach Wahrheit und die daoistische Weisheitslehre über das Einswerden von Natur und Mensch mit dem Teetrinken vereinigt sehen, damit der Mensch durch das Teetrinken eine geistige Bereicherung erlangt.

Wie man seit Jahrtausenden weiß, begünstigt der Tee durch seine physiologischen Wirkungen einen Zustand erhöhten Gewahrseins und gleichzeitig eine innere Gelöstheit, insbesondere wenn er auf eine achtsame Weise über Jahre hinweg genossen wird. Diese anregenden Wirkungen führen zu einer klaren und sanft gehobenen Stimmung.

Tee wurde aber meist nicht gezielt auf diesen Zweck hin gerichtet getrunken, sondern um seiner selbst willen – um „das Sonnenlicht, den Wind und die Wolken zu schmecken“. Im daoistischen und chan-buddhistischen Sinne: einfach leben, ohne über die eigenen Handlungen und seinen Zustand nachzudenken. Ein unmittelbares Erfahren und Erfassen der Wirklichkeit ist der Kern jeglicher Spiritualität. Insofern hat der Teegenuss vielfach einen Einklang mit der Natur und Mitgefühl mit den Menschen und allen anderen Wesen bewirkt.

Daher ist die Chinesische Teezeremonie spontan, zwanglos, einfach, entspannt, unangestrengt, ganz aufs Hier und Jetzt konzentriert. Mit der inneren Einstellung aufmerksamen Gewahrseins, ohne Gedanken an Vergangenheit oder Zukunft, dem natürlichen Fließen des Dao gemäß, wird der köstliche Tee mit allen Sinnen und einem sorglosen Geist am besten im kleinen Kreis unter Freunden genossen.


Xihu(West-See) in Hangzhou, Provinz Zhejiang (Foto: Zheng/Goebel 2007)